Runaway

Übersicht meiner ersten 20 Läufe (innerhalb der ersten 20 Tage) in 2020.

Ich bin ja sowieso ein Fan schöner Graphen, aber wenn man diese Treppe durch Tag für Tag gelaufene Kilometer selbst “zeichnet”, fühlt sich das schon wirklich gut an. Letztes Jahr hatte ich Schyndy1-Pause eingelegt, aber dieses Jahr wieder so lange durchgehalten, wie die Jahreszahl vorgibt: 18 Tage in 2018, 20 Tage dieses Jahr.

In den finalen – und verdammt anstrengenden – sieben Tagen waren das zusammengerechnet stolze 119 km. Mit ein wenig SQL überprüft: Rekordwoche, guter Start ins neue Laufjahr.

Rückblick auf 2019

Leider war ich in der zweiten Jahreshälfte relativ oft nicht besonders fit, so dass das Jahr bei mir einen eher faden Beigeschmack hinterlässt. Dabei mangelt es nicht an Höhepunkten:

  • mit insgesamt gut 3100 km mein zweitweitestes Jahr überhaupt
  • beste durchschnittliche Pace über das ganze Jahr (5:56/km)
    • bei zweitniedrigster durchschnittlicher HR
  • das erste Kalenderjahr, in dem ich jeden Tag gelaufen bin (insgesamt bin ich aktuell beim 410. Tag; der bisherige Rekord liegt bei 444 Tagen – war aber auf 2016 und 2017 verteilt)
  • von Februar bis September nahezu ununterbrochene VO2max-Steigerung
    • trotz Durchhänger in Q4 insgesamt bester VO2max-Jahresschnitt
  • neuer 10K-PR, 46:13 beim Airport Night Run auf dem BER-Gelände; fast acht Minuten schneller als die bis dahin beste (offiziell gemessene) 10K-Zeit

Darauf bin ich auch wirklich stolz, und vor allem unheimlich dankbar. Dankbar, dass mein Körper das – weitestgehend – mitmacht. Dankbar, dass ich mir die Zeit2 dafür leisten kann. Dankbar für die tolle Musik und die wunderbaren Podcasts, die ich dabei genießen konnte. Für interessante Gespräche mit lieben Laufpartnerinnen. Für schöne Momente in der Natur. Für Glücksgefühle beim Erreichen von Erfolgen.

Logischerweise strebe ich dieses Jahr neue Erfolge an. Besser geht immer. Gerade beim Laufen ist nichts leichter, als “bessere” Sportler zu finden. Sei es ganz an der Spitze – wo der Marathon-Weltrekord mit einer über 42 km gehaltenen Durchschnittspace gelaufen wird, die ich selbst wenn es um Leben und Tod ginge nicht einen einzigen Kilometer durchhalten könnte. Oder auch “nur” auf Strava oder anderen Portalen – in nicht einer einzigen “relevanten” Kategorie spiele ich in irgendwelchen Bestenlisten mit, auch nicht bei Einschränkung auf meine Altersklasse und/oder Region. Ich habe Bekannte, die regelmäßig zum Spaß Halbmarathons “gemütlich” laufen und dabei meine 10K-Geschwindigkeit anlegen. Leistungen, von denen ich mir nicht vorstellen kann, sie je im Leben selbst erbringen zu können.
Das stört mich alles gar nicht. Ich habe beim Laufen von Anfang an nur den Wettkampf mit mir selbst gesucht – es ist für mich ein Werkzeug, meinen eigenen Fortschritt zu messen. Trotzdem blicke ich auf andere Leistungen natürlich manchmal mit einer Mischung aus Neid und Anerkennung.

Mein Geheimnis

Anerkennung wird mir aber auch oft zuteil. Meistens in Form von Be- oder Verwunderung. Dabei geht es um ganz verschiedene Aspekte. Wie schaffe ich es, mich morgens vor der Arbeit zu motivieren, statt im Bett liegen zu bleiben? Oder Mitternacht noch meine Runden zu drehen? Wie kann ich ohne Ruhetage zwischendurch täglich laufen? Wie bekomme ich es logistisch fertig, auch bei Reisen, Konzerten, Geburtstagen, Konferenzen usw. keine Pause zu machen?
Wie so oft ist nicht alles Gold, was glänzt. Alles, was ich oben geschrieben habe, ist zutreffend. Das Laufen gibt mir wirklich viel, und ich bin stolz auf meine Leistungen. Aber ich weiß auch, was dahinter steckt. Was “von außen” nicht zu sehen ist. Und ich finde es – in Zeiten hingebungsvoll hochpolierter, möglichst makelloser Online-Persönlichkeiten – wichtig, mit solchen Themen offener und ehrlicher umzugehen. Nicht nur den schönen Graphen und bullet points mit coolen Zahlenfakten zu zeigen.

Ich kämpfe seit vielen Jahren mit Depression. Mal mehr, mal weniger. Mir geht es rein objektiv ziemlich gut – aber das ist der Depression natürlich relativ egal. Im Wesentlichen habe ich mein Leben im Griff und mich daran gewöhnt, diesen unangenehmen Begleiter zu haben. Es gibt keinen Aspekt in meinem Leben, der davon nicht betroffen ist. Das Laufen, als großer Aspekt in meinem Leben, natürlich auch.

Laufen ist ein Anker für mich, eine Konstante. Eines der wenigen Dinge, die sich fast immer wie ein Erfolg anfühlen. Manchmal das einzige, das sich so anfühlt. Ich habe (mitunter panische) Angst davor, das zu verlieren. Wenn ich längere Zeit nicht laufe, habe ich das Gefühl, zu versagen. Ich habe mit verschiedensten Laufrythmen experimentiert: Jeden zweiten Tag, zwei Tage Laufen & ein Tag Pause, streng nach unregelmäßigem Trainingsplan, feste Ruhetage in der Woche. Warum also letztlich wieder zum täglichen Modus? Weil mir das automatisch Druck macht, ganz sicher nicht mit dem Laufen aufzuhören. Wenn ich morgen nicht Laufen gehe, unterbreche ich damit eine seit 414 Tagen anhaltende Kette, die streak. Würde ich nicht täglich laufen, dann wäre es hingegen nur das Verschieben eines ohnehin vorhandenen Ruhetags. Schnell wird aus einem Ruhetag eine Ruhewoche. Und dann ist da eine mentale Hürde, überhaupt wieder anzufangen. Schließlich habe ich gerade versagt und war nicht Laufen, obwohl ich wollte/sollte.

Also täglich, ohne wenn und aber. Ruhetage mache ich da auch, dann eben nur 2 km – Hauptsache, die streak geht weiter. Und bei einer Erkältung erlaube ich mir sogar, die 2 km richtig langsam zu laufen.3 Natürlich ist es logistisch manchmal herausfordernd, jeden Tag zu laufen. Aber ich schmunzle innerlich immer ein wenig, wenn ich dafür Anerkennung bekomme. Ich mache es, weil es am Einfachsten ist. Mit einem anderen Rhythmus bräuchte ich mehr Willensstärke, um so dauerhaft und regelmäßig zu Laufen, dass es mir mehr bringt als es mich kostet.

Alleine in der Nacht

Schlaf und Depression sind keine Freunde. Als es mir eine Weile besser ging, bin ich fast immer morgens vor der Arbeit gelaufen. Als wieder eine schlechtere Phase kam, bin ich oft bis mitten in der Nacht wach im Bett gelegen. Und dann beginnt der Stress: “Schlaf endlich. Du musst morgen Laufen. Wenn du jetzt nicht bald schläfst, kannst du nicht früh genug aufstehen.” Anfangs war das vereinzelt, da bin ich dann eben erst nach der Arbeit gelaufen. Das bedeutet aber den ganzen Tag über inneren Stress. Schließlich “muss” ich noch Laufen, es geht um die streak. Was ist, wenn die Arbeit mal länger dauert? Oder am Abend spontan noch etwas unternommen wird?
Mitternachts zu Laufen war schlicht meine Antwort darauf, dass ich diese Schlafprobleme nicht in den Griff bekomme(n habe). Wenn ich sowieso nicht vor 2 bis 3 Uhr nachts einschlafen kann, nutze ich die Zeit bis Mitternacht wenigstens “sinnvoll”4, erledige danach “direkt zu Tagesbeginn” meinen Lauf und falle dann halbtot ins Bett. Keine Frage, nachts Laufen hat positive Aspekte: Es ist ein bisschen aufregend, es ist so unglaublich viel stiller, ruhiger und friedlicher, und im Sommer sind die Temperaturen erträglicher. Aber das waren selten die Hauptgründe für meine nächtlichen Touren.

Oben habe ich geschrieben, dass Laufen sich fast immer wie ein Erfolg anfühlt – damit meine ich nicht den einzelnen Lauf, sondern die Gesamtheit. Ich laufe viel und regelmäßig, das ist der Erfolg. Es ist leider nicht so, dass ich nach jedem Lauf mit stolz geschwellter Brust in den restlichen Tag starte. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden 2019 verstrichen sind, in denen ich nach einem Lauf auf meinem Badboden gesessen bin und sinnlos durchs Smartphone gescrollt habe. Oder gestarrt ohne zu scrollen. Weil ich mich nicht zur Dusche aufraffen wollte, denn mit der Dusche würde der Tag starten.

Das Laufen eignet sich auch ganz hervorragend, um andere Verpflichtungen vor mir herzuschieben. Es ist ja schließlich eine ziemliche Leistung, jeden Tag zu laufen! Das Bett neu beziehen, auf gesunde Ernährung achten, den Blogpost fertig schreiben, mich bei Freunden melden… das kann ich auch nächste Woche machen. Denn übermorgen ist noch der anstrengende lange Lauf im Trainingsplan, auf den “muss” ich mich jetzt voll konzentrieren. Es ist nicht so, dass die Depression einen triftigen Grund bräuchte, um mich von Dingen abzuhalten, die mir wichtig sind. Aber sie sagt nicht Nein, wenn ich ihr einen auf dem Silbertablett serviere.


Ich könnte noch viel darüber erzählen, doch es ist gar nicht so leicht, da die richtigen Worte zu finden. Nicht, weil ich ungern darüber spreche, ich gehe schon länger relativ offen damit um. Ich habe nur Angst, dass es nach Gejammere oder gar nach verkapptem Angeben klingt. Mir geht es überhaupt nicht darum, dass ich jetzt Mitleid oder Zuspruch bekomme – ich empfinde die Schilderungen auch nicht als dramatisch. Es ist nicht so, dass jeder einzelne Lauf eine Qual ist, ganz im Gegenteil. Ich “quäle” mich nur mehr, als es ohne die Angst um das Laufen als Konstante nötig wäre.

Um den Kreis zu schließen, komme ich auf den Gedanken bezüglich “besserer” Leistungen anderer Menschen zurück: wenn mir solche im Alltag begegnen, dann frage ich mich oft, wieso ich das nicht auch hinbekomme. Man sieht aber in der Regel nicht, was noch hinter so einer (vermeintlichen) Leistung steckt. Zum Beispiel, dass eine 400+ Tage andauernde Laufstreak vielleicht weniger auf “Er schafft es, jeden Tag zu laufen” basiert, sondern mehr auf “Er schafft es nicht, nicht jeden Tag zu laufen”.


  1. Beginnend mit einem Kilometer am ersten Januar wird jeden Tag ein Kilometer mehr gelaufen. Mehrere Läufe pro Tag sind erlaubt, es zählt die insgesamt gelaufene Distanz pro Tag. Bis man außer Konkurrenz ist – oder nicht mehr kann. ↩︎

  2. Knapp 307 Stunden reine Laufzeit in 2019. Das sind fast 13 Tage. Mit Umziehen, Duschen, etc. kann man das locker auf 14 Tage aufrunden. Fast 4% des Jahres. Wahnsinn! ↩︎

  3. Gleichzeitig stelle ich mich in Vorträgen hin, erzähle wie wichtig Ruhetage sind, und wie gefährlich der Gamification-Aspekt moderner Fitness-Gadgets sein kann, weil Leute dabei ihre Grenzen überschreiten und ihre Gesundheit gefährden. ↩︎

  4. Ein wenig habe ich das schon in Film- und Fernsehen 2019 angeschnitten, aber wie “sinnvoll” ich meine Zeit wirklich nutze bzw. genutzt habe, ist irgendwann noch einen eigenen Beitrag wert. ↩︎