Alle sieben Wellen

Die Fortsetzung von Gut gegen Nordwind schließt mehr oder weniger nahtlos an. Es vergeht zwar ein wenig Zeit, aber das war auch im ersten Teil der Fall. Im Prinzip könnte man beides in ein Buch packen und es würde – abgesehen von ein paar arg Exposition-lastigen E-Mails, die zu Beginn dieses Buchs die bisherigen Geschehnisse nochmal in Erinnerung rufen sollen – nicht auffallen.

Insgesamt wäre diese kombinierte Geschichte dann meiner Meinung nach auch ein stimmigeres Gesamtwerk. Im zweiten Buch wiederholt sich zu Beginn zu viel, dem ersten Buch hingegen fehlt die intensivere und positivere Auseinandersetzung mit einigen zentralen Fragen zu Treue und Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und den Menschen, die man liebt. Gerade letzteres hat mir in diesem Band deutlich besser gefallen. Der erste Teil lebt sehr von der Aufregung und dem Thrill der Verliebtheit, bleibt aber weitestgehend auf dieser oberflächlichen Ebene stehen. Das ist nicht per se schlecht, ein gutes Buch kann problemlos nur Verliebtheit behandeln. Aber die Situation in den Büchern ist nicht unkompliziert genug dafür, und nur das zweite Buch wird dieser Tatsache wirklich gerecht.

Ein ganz anderer Gedanke, den ich bei beiden Büchern hatte und der sich bei einem Blick in die Goodreads-Reviews bestätigt hat: Oft stören sich Leute daran, wie unrealistisch Liebesgeschichten in Rom-Coms angeblich sind. So natürlich auch hier – völlig absurd, dass man sich nur per E-Mail verlieben kann! Wie gesagt, dazu habe ich selbst schon den Gegenbeweis erfahren. Und generell verstehe ich solche Kritik immer nicht, und frage mich, ob das Leben vieler anderer Menschen wirklich so trist ist, oder ob meines so bewegt ist? Denn was ich in der Hinsicht schon alles erlebt habe, lässt jeden Hollywood-Autor im Schatten stehen. Damit meine ich nicht, was ich für ein toller Hengst bin, es geht nicht ums Angeben mit Eroberungen oder solchen Quatsch. Was ich meine: Ich wurde schon mehrmals betrogen, ich habe schon betrogen1, ich habe schon verkuppelt, ich wurde schon verkuppelt, ich war schon in mehrere Menschen gleichzeitig verliebt, ich war schon mit mehreren Menschen gleichzeitig zusammen… und die meisten dieser Sätze könnte ich in noch mehr Kategorien aufteilen. Und hinter all diesen Sätzen und Kategorien stehen unglaublich viele Emotionen, Gefühle und Geschehnisse. Ich habe sicherlich noch nicht alles selbst erlebt, aber es gibt so ziemlich nichts, das ich nicht für absolut realistisch erlebbar halte. Love is messy!
Wohlgemerkt – die Art und Weise, wie etwas erzählt wird, ist eine ganz andere Frage als was erzählt wird. Aber in der Regel stören sich die Leute eben eher am was, und das verwundert mich.

Auch wenn sich das Konzept des E-Mail-Dialogs im zweiten Teil ein wenig abnutzt, sind die beiden Bücher fesselnde Unterhaltung gewesen und können zum Nachdenken über die eigene Einstellung zu Liebe, Beziehungen und E-Mail-Etiquette anregen. Genau mein Ding! 😉

3/5


  1. Ja, davor habe ich auch immer gedacht, dass ich das nie tun würde. Und ich bereue es bis heute, es gibt wenig im Leben für das ich mehr Scham empfinde. ↩︎