Sincerely Louis C.K.

Apropos Künstler und Werk trennen. Ich habe Louie immer gerne geschaut, ich mochte sein Standup-Material, fand auch gut, wie er sein Material und sich selbst vermarktet hat. Definitiv jemand, zu dem ich in gewisser Weise aufgeschaut habe. Entsprechend hat mich sehr betrübt, als auch Louis C.K. sich als äußerst fehlbarer Mensch entpuppt hat.1 Sein damaliges Statement fand ich gut. Für mich ist schwierig, dass ich kaum beurteilen kann, ob (oder vielleicht besser: inwieweit) das nur Worte waren oder nicht. Und diese Frage schwebt wie eine dunkle Regenwolke über der gesamten Performance in seinem neuen Standup-Special.

Es ist derselbe Humor wie früher. Oft an der Grenze, manchmal darüber – je nachdem, wo die eigene Grenze liegt. Er macht Witze, auf die ich lieber verzichtet hätte. Wie früher auch. Und er macht Witze, über die ich herzhaft lachen kann. Wie früher auch. Und er thematisiert auch sein Fehlverhalten. Aber: Er benennt es – anders als im damaligen Statement – nicht als Fehlverhalten. Stattdessen ist er sogar selbst in der Opferrolle, weil wir nun alle seinen Fetisch kennen. Fair enough, es ist sicher nicht angenehm, keine Kontrolle darüber zu haben, wer welche Details über die eigenen Fetische und deren Auswirkungen auf das Leben kennt. Perfekt passendes Material für seinen Humor. Aber es gibt einen guten Grund, warum er in dieser Opferrolle ist, und wenn er die Opferrolle in seinem Programm nutzt, dann muss er diesen Grund besser adressieren. Es würde das Programm nicht abwerten, bei diesem Thema einfach noch einmal ganz explizit auszusprechen, dass das Verhalten nicht in Ordnung war. Stattdessen tänzelt er auch um die Frage herum, ob er das wirklich noch so sieht. Es bleibt offen, ob er sich eher über sich selbst und sein Fehlverhalten lustig macht, oder über die Gesellschaft, die sein Verhalten fehlerhaft einschätzt. Vielleicht war das damalige Statement komplett ernst gemeint und ehrlich, aber in der Zwischenzeit empfindet er eher Ärger darüber, das er sich entschuldigen musste. Vielleicht war das Statement damals schon nur bestmögliche PR und es hat ihn von Anfang an nur geärgert und es gab nie echte Reue. Vielleicht empfindet er bis heute noch Reue und das Statement war ehrlich gemeint und er steht auch heute noch dahinter, aber ist der Meinung, dass eine Entschuldigung abgewertet wird, wenn man sie wiederholt. Ich weiß es nicht, und diese Ungewissheit macht es mir sehr schwer, dieses Werk zu genießen.

Habe ich einen Anspruch darauf, es genauer zu wissen? Vermutlich nicht, ich maße mir nichtmal eine Antwort auf diese Frage an. Ist genug Zeit vergangen, seit er geschrieben hat, dass er jetzt lange schweigen und zuhören wird? Eher nicht – meinem Empfinden nach. Wie viel Zeit wäre genug? Keine Ahnung. Würde er sich dauerhaft so klar positionieren wie im damaligen Statement, wäre weniger Zeit genug. Warum eigentlich? Weil er dann geläuterter ist, oder weil ich bis dahin besser vergessen und verdrängen konnte? Viele schwierige Fragen.

Das Special selbst dürfte allen gefallen, die seinen Humor auch früher schon mochten. Wie sehr man es genießen kann, hängt wohl auch maßgeblich daran, wie man individuell zu all diesen schwierigen Fragen steht.

6/10


  1. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich hier formulieren soll. Jede Formulierung fühlt sich entweder verharmlosend und schönredend oder dämonisierend und überdramatisch an. Wenn ich sage, dass es mich betrübt, soll das natürlich keine Beschwerde sein, dass mir meine Unterhaltung verdorben wurde. Es ist gut, dass das ans Licht gekommen ist. Es ist nicht gut, dass es etwas gab, das ans Licht kommen musste. (Das Ganze ist ein rekursives Problem: Dieselbe Fußnote könnte ich zu “Ans Licht gekommen” setzen. Shit is hard.) ↩︎