Bad Leadership

Sehr lang, sehr lesenswert: “Hurting people at scale”, von Ryan Mac und Craig Silverman für BuzzFeed News. Eine beklemmende Zusammenfassung darüber, wie untragbar Facebook mit seiner Verantwortung umgeht. Wenig davon neu, wenn man sich schon länger damit befasst – aber ich glaube, dass den wenigsten klar ist, wie moralisch bankrott (und das ist noch die positivste Auslegung) die Führungsriege dort wirklich ist. Ich weiß gar nicht, was ich davon zitieren soll – vielleicht die Tatsache, dass Zuckerberg persönlich mit Trump telefoniert, um über dessen menschenfeindlichste Äußerungen zu sprechen, bevor diese dann offiziell als in Ordnung eingestuft werden?

Within a matter of hours, Twitter placed Trump’s post behind a warning label, noting it violated its rules around glorifying violence. Meanwhile, Facebook did nothing. It had decided that the phrase “when the looting starts, the shooting starts” — which has historical ties to racially oppressive police violence — did not constitute a violation of its terms of service.

In explaining the decision the next day, Zuckerberg said that while he had a “visceral negative reaction” to the post, Facebook policies allowed for “discussion around the state use of force.” Moreover, he argued that, in spite of the phrase’s historical context, it was possible that it could have been interpreted to mean the president was simply warning that looting could lead to violence. (Axios later reported that Zuckerberg had personally called Trump the day after the post.)

Ich halte es schon lange moralisch nicht mehr für vertretbar, noch irgendwelche Facebook-Dienste zu nutzen. Der einzelne User macht keinen Unterschied? Das Argument lassen wir auch nicht zählen, wenn es darum geht, keine Plastiktüten mehr zu benutzen. Es gibt keine Alternative? Doch, die Menschen sind nur zu faul und bequem, um Alternativen zu nutzen. Das soll nicht heißen, dass es leicht ist, oder es nicht mit Verlust verbunden ist1. Aber sind Facebook, Instagram und WhatsApp so viel wertvoller als E-Mails und Doodle? Die Vereinigten Staaten brennen vor unser aller Augen nieder, in Myanmar findet Völkermord statt, in Deutschland sitzen immer mehr Nazis in den Parlamenten. Ist es das wert? Nein, Facebook ist nicht die alleinige Ursache, und ohne Facebook wären nicht alle diese Probleme sofort gelöst. Aber mit Facebook in der aktuellen Form sind sie unlösbar.

Leicht gesagt, als jemand der seit Jahren keinen der Dienste mehr nutzt? Mag sein, aber ich benutze stöbere z.B. immer noch (zu) viel auf Reddit, und würde selbiges ebenso ohne mit der Wimper zu zucken verschwinden lassen wie ich es mit Facebook tun würde. Ich bin die Ausrede der Internetgiganten leid, dass bei deren Nutzerzahlen eine Moderation nicht möglich ist – wenn das der Fall ist, dann skaliert offenbar das Geschäftsmodell nicht. Zumal YouTube auch keine Probleme damit hat, sich zum Erfüllungsgehilfen von Sony zu machen, um deren Copyright-Interessen durchzusetzen. Aber Jugendschutz ist zu schwierig für die Götter der Al­go­rith­mik?

Wenn ich einen Vergnügungspark baue, kann ich doch auch nicht auf Sicherheitsvorschriften pfeifen, nur wenn ich den größten Park der Welt baue. Niemand würde das akzeptieren, nichtmal wenn der Eintritt frei wäre. Wieso akzeptieren wir es im virtuellen Raum, der zunehmend den Großteil unseres Lebens einnimmt?


  1. Mich hat erschreckt, wie innerhalb weniger Jahre die Allgemeinheit im Wesentlichen verlernt hat, sich ohne Facebook um Geburtstage zu scheren. Ich kann Gratulierende mittlerweile an einer Hand abzählen. Der Umfang meines Freundes- und Bekanntenkreises hat sich nicht nennenswert verändert, mir macht das auch nichts aus, aber als langjähriger Nutzer eines… Kalenders (crazy shit!) hatte ich nicht damit gerechnet, wie extrem die One-Click-Gratulation sich zumindest in meiner Generation festgesetzt hat. ↩︎