1984

Puh, das war harter Stoff. Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas derart Grausames gelesen zu haben. Sowohl physisch als auch psychisch wirklich nur schwer zu ertragen. So viel also zu meinem cleveren Plan, zum Schlafengehen keine Sachbücher sondern Fiktion zu lesen, damit ich ein wenig abschalten und dann besser einschlafen kann. Stellt sich raus, gute Fiktion enthält meistens exzellente Metaphern für die echte Welt und regt genauso zum Nachdenken über eben jene an.

Hierfür ist 1984 allerdings wirklich ein Paradebeispiel. Kaum eine Datenschutzdebatte vergeht ohne dass der Titel oder der Autor genannt werden. Ich bin froh, dass das Buch bei mir keine Schullektüre war, denn ich glaube nicht, dass ich damals schon viel damit anfangen hätte können.1 Gleichzeitig wünschte ich, ich hätte das Buch schon viel früher gelesen, denn erst jetzt kann ich Vergleiche alá “that’s some 1984 shit right there” wirklich einordnen und nachvollziehen. Klar, dass es im Buch grundlegend um einen Staat mit einem massiven Überwachungsapparat geht – das bekommt man irgendwie aus gesellschaftlichen Debatten und Populärkultur mit. Aber das ist nur ein Teilaspekt der dystopischen Zukunft in Oceania. Wie totalitär und gleichgeschaltet alles ist, und mit welchen Mitteln das durchgesetzt wird, war mir neu. Und wie viele Parallelen sich zu unserer heutigen Lage ziehen lassen hat mich… “überrascht” ist vermutlich nicht das richtige Wort, aber schockiert. Ich kannte den Begriff Neusprech bisher zwar schon2, wusste aber nicht, dass er hier seinen Ursprung hat. Es macht mich bis heute noch fassungslos, wie nah wir diesem Konstrukt mittlerweile gekommen sind.

Das Buch ist etwa 70 Jahre alt, und ich bin nicht sicher, welchen Schluss ich daraus ziehen soll. War Orwell ein Prophet und wir haben seine Warnungen ignoriert, sind jetzt also in einer beispiellosen und somit auch zunehmend aussichtslosen Situation? Oder empfindet sich jede Generation ähnlich kontrolliert und gesteuert3, sind wir also nur eine weitere Inkarnation der in 1984 beschriebenen Gefühlslage?

Während ich in den letzten Wochen das Buch gelesen habe, kam eine Kontroverse um eine Art Selbstzensur bei Disney+ auf. Es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Unternehmen aus Profitgründen heraus ein bisschen Hintern in einem 35 Jahre alten Film mit CGI-Haaren überdeckt oder ob – wie im Buch – ein komplettes Ministerium geschaffen wird, um sämtliche Zeitungsberichte rückwirkend so anzupassen, dass die Regierungspartei zum aktuellen Zeitpunkt immer Recht hat(te). Trotzdem empfinde ich solche nachträglichen Eingriffe als sehr befremdlich und bin nicht erst seit der Lektüre der Meinung, dass das nicht normalisiert werden sollte. Schlimm genug, dass die meisten Leute vermutlich gar nicht wissen, dass in HIMYM die Werbung aktuell gehalten wird, bei Scrubs und vielen anderen Serien der Soundtrack geändert wird, und natürlich dass Han zuerst geschossen hat.

Hinter diesen Beispielen stecken ganz unterschiedliche Gründe, aber gerade dadurch zeigen sie umso besser auf, dass es keinen klischeehaften Oberbösewicht braucht, der sich alles im Detail ausdenkt – wir konstruieren diese Rahmenbedingungen mit ihren desaströsen Auswirkungen auf unser Kulturgut ganz von selbst. Mir geht es dabei nicht darum, dass die Bewertung von Kunst und Medien sich nicht verändern können sollte. Ich finde es gut und wichtig, dass z.B. die Rolle von Apu bei den Simpsons hinterfragt wird. Ich finde es aber nicht richtig, die Folge mit Michael Jackson komplett zu tilgen. Wer hat heute noch eigene DVDs/Blu-rays (oder natürlich die wie immer vor solchen Problemen gefeiten Sicherheitskopien) zu Hause? Wir verlassen uns zunehmend auf einige wenige, zentrale Dienste, bei denen wir gar nicht mehr mitbekommen, wenn solche Änderungen vorgenommen werden. Man kann sich gar nicht darüber empören, weil man keinen Anlass und Vergleich hat. Wer die unbearbeiteten Versionen noch kennt, der ist vielleicht kurz irritiert wenn er auf Widersprüche zur eigenen Erinnerung stösst, und hat ein Déjà-vu-artiges Gefühl.

Wie nah das an der Welt von 1984 ist, macht mir Angst. Ich könnte noch viele weitere Aspekte aus dem Buch aufgreifen und in Relation zu meiner Wahrnehmung unserer Zeit setzen, aber ich bin nun schon weit genug abgeschwiffen. Mein Ziel bei Blogposts zu Büchern ist es nie, eine Nacherzählung zu liefern oder arg vollständig zu sein, sondern nur ein paar Gedanken und Notizen zu liefern, die Interesse wecken oder Diskussionsanstoss sein können – je nachdem ob man es schon gelesen hat oder nicht.

Das Buch ist nicht perfekt – teilweise sehr viel Exposition, aber trotzdem hat es mich durchgehend gepackt und gefesselt. Das letzte Drittel und der Schluss werden mir noch lange im Nacken sitzen, und das ist genau das, was ich von einem guten Buch erwarte. Trotzdem lese ich jetzt “zum Abschalten” als nächstes lieber erstmal “nur” ein Sachbuch.

5/5


  1. Vielleicht sollte ich auch “Der Prozess” nochmal lesen. So gern ich heute das Wort “kafkaesk” benutze, so sehr habe ich das Buch damals gehasst. ↩︎

  2. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Begriff bei einem der C3-Vorträge von Martin Haase aufgeschnappt habe, der dort schon oft über Sprache gesprochen hat. Es gibt sogar eine CRE-Folge exakt zum Thema. ↩︎

  3. Ähnlich wie auch die Jugend (angeblich) schon seit Sokrates’ Zeiten immer schlimmer wird. ↩︎